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"Ein Platz für den dritten Frühling"
1994 machten wir zum ersten Mal Urlaub in Südafrika. Mitte Dezember
streiften wir den Vorweihnachtsstreß ab, entflohen dem ungemütlichen
winterlichen Wetter in Deutschland und fanden im Westkap den Sommer vor. Wir
erfreuten uns der übermäßigen Blumenpracht, der vielfältigen Vogelwelt, genossen die warme Luft, den blauen Himmel und den herrlichen Sonnenschein. Schnell vergaßen wir unsere Arbeit in Deutschland und schrieben voller Freude über diese "neue" Welt Ansichtskarten. Sylvester 1994 überquerten wir den Swartbergpaß und
kamen in Prince Albert an. Wir spazierten bei wunderbarem
Wetter durch dieses kleine Dorf und entdeckten eine Schönheit nach der
anderen. Nach dem ausgedehnten Silvester-Essen entdeckten wir in
Prince Albert bei lauer Luft den sternenklaren Himmel. Noch
niemals zuvor sahen wir einen solchen Sternenhimmel. Wir verliebten uns in
diesem Moment, jeder für sich, ohne, daß wir davon voneinander wußten, in
diesen Fleck der Erde. Wir verließen am 1. Januar 1995 früh morgens Prince
Albert, nachdem Bodo noch mit der Maklerin Kontakt aufnahm und sie bat,
einige Informationen über Prince Albert zu schicken. Jeder von uns beiden
wußte im Inneren, dies wird unser Platz sein, an dem wir unseren dritten
Frühling verleben werden.
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Bodo war 17 Jahre alt, als er in der Handelsschule die Zinsrechnung
kennenlernte. Er rechnete sich damals aus, wieviel Geld er in seinem Leben
sparen müßte, um mit 55 Jahren in den Ruhestand gehen zu können, um sich ein
Leben zu gestalten, wie er es gerne haben möchte. Mit 40 Jahren lernte Bodo
die Großmann-Methode kennen und erinnerte sich wieder an seine
Teenager-Träume. Er begann von nun an, sein Leben methodischer zu planen, um
seine Ziele leichter zu erreichen. Zu dieser Zeit waren Bodo & Gudrun
bereits selbständig. Bodo war freiberuflicher Kommunikations- und
Managementtrainer und Gudrun unterrichtete ausländische Top-Manager in
deutscher Sprache, Geschichte und Kultur. Wir bestimmten über unsere
Arbeiten und Aufgaben selbst, über unseren Arbeitseinsatz, über unsere
Einkünfte und auch über unseren vorzeitigen Ruhestand, den wir seit 1981
zielgerichtet verfolgten.
Nach unserem ersten Südafrika-Urlaub fragten wir uns: "War Prince Albert ein
Urlaubstraum oder ist es Realität?" Inzwischen erhielten wir von der Prince
Alberter Maklerin einige Informationen per Fax, die alle sehr ansprechend
klangen. Deswegen besuchten wir Prince Albert im Mai 1995 ein zweites Mal,
schauten uns nur in diesem Ort um, lernten Menschen kennen, ließen uns
einige Immobilien im Markt zeigen. Schließlich wußten wir: Prince Albert ist
Realität, und wir kauften ein Haus unter der Voraussetzung, daß wir die
Daueraufenthaltsgenehmigung von der Südafrikanischen Regierung erhalten.
Dies war dann leider ein langwieriger Prozeß, der sich fast zwei Jahre
hinzog. Wir verkauften inzwischen unser Haus und unsere Firma in Deutschland
und am 6. April 1997 stempelte auf dem Flughafen in Johannesburg der Beamte
"Permanent Residence" in unseren deutschen Reisepaß. Das war ein
unvorstellbares Glücksgefühl.
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Mittlerweile leben wir fast vier Jahre in Prince Albert und fühlen uns
pudelwohl. Die finanzielle Planung ging bis heute auf, obwohl in der
Zwischenzeit die Habenzinsen um fast die Hälfte gesunken sind. In den
letzten vier Jahren schrieben wir vier Fachbücher, voraussichtlich werden
weitere folgen. Dieser Zusatzverdienst ist nötig, um unsere Familie und
unsere Freunde in Deutschland zu besuchen. Wir werden zehn Jahre lang von
unseren Ersparnissen leben, erst danach beziehen wir die Rente unserer in
Deutschland eingezahlten gesetzlichen Rentenversicherung. Mit anderen
Worten: All unsere Ersparnisse haben sich durch den vorzeitigen Ruhestand in
den folgenden sechs Jahren verzehrt. Wenn die Geldwährungen in Deutschland
und Südafrika in den folgenden 20 Jahren stabil bleiben, werden wir, wie
geplant, mit unserem Geld den Lebensabend in Südafrika beschließen können.
Inzwischen haben wir uns im hiesigen Altersheim einen Platz gekauft, auch
ein Indiz dafür, daß wir uns hier mehr als nur zu Hause fühlen, wir sind
einfach glücklich hier.
Prince Albert liegt 650 m über dem Meeresspiegel am Rande der Großen Karoo,
einer Halbwüste. Wir haben über 300 Tage Sonnenschein mit strahlend blauem
Himmel. Regen bedeutet hier Freude und jedermann ist darüber glücklich. Wir
haben einen fast 1000 qm großen Garten, in dem es fast zu jeder Jahreszeit
blüht oder in dem es fast das ganze Jahr über etwas zu ernten gibt. Die
ersten reifen Erdbeeren beispielsweise pflücken wir bereits Ende September
und die allerletzten noch im Februar. Obstsorten, wie Apfelsinen, Zitronen,
Mandarinen, Grapefruit, Kumquat, Litchi, Mango, Bananen, Aprikosen,
Pfirsiche, Nektarinen oder auch Äpfel und Weintrauben ernten wir im eigenen
Garten, ungespritzt. Im Sommer wird es bis zu 40 ° im Schatten heiß, doch
die niedrige Luftfeuchtigkeit von nur 20 % läßt die Wärme gut ertragen. Es
ist schwer zu sagen, welches die schönste Jahreszeit ist, da wir mit unseren
Gefühlen und unseren Erfahrungen noch die Vorstellungen von Deutschland
nicht ganz vergessen haben. Im Winter wird es in der Nacht bis zu - 1 °
kalt. Doch gegen 10.00 Uhr hat die Sonne wieder alles so weit aufgewärmt,
daß wir uns oft mit kurzer Hose und T-Shirt bekleidet im Freien aufhalten.
In Südafrika steht die Sonne im Norden, nicht im Süden; hier ist es Sommer,
wenn es in Deutschland bitterkalt ist; hier dreht sich das Wasser links
herum, wenn es den Ablauf verläßt; hier ist alles anders, deswegen hatten
und haben wir vieles zu lernen.
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Besonders wichtig war es für uns, die Sprache der neuen Heimat zu lernen.
Bodo lernte intensiv Afrikaans, Gudrun Englisch, wir beide sprechen
miteinander Deutsch. In der ersten Zeit beobachteten wir, wie sich das Leben
und was sich im Dorf abspielt. Wir hielten uns mehr im Hintergrund und
hörten zu, was man uns erzählte. Wir werteten die uns zugetragenen
Informationen peinlich genau aus, um uns ein Bild über Land und Leute zu
machen. Nachdem wir unseren Container mit unserem Hab und Gut erhalten
hatten und einigermaßen eingerichtet waren, luden wir über 60 Personen, die
wir inzwischen kennengelernt hatten, zu einer Hausparty ein. Wir verwöhnten
sie mit deutscher Kost und den guten südafrikanischen Weinen. Man überhäufte
uns mit kleinen Geschenken und wir wurden sehr willkommen geheißen. Nach
dieser Party erhielten wir viele Einladungen, und auch wir luden viele
Menschen zu uns zum Abendessen ein.
Mittlerweile ist Bodo Mitglied im Fahrrad-, Tennis- und im Golfclub und
bekleidet in den Vereinsvorständen aktive Positionen. Er ist zum Schirmherrn
des hiesigen Kindergartens berufen worden, nimmt diese Aufgabe sehr ernst
und hat dank vieler Spenden aus Deutschland einen Fond geschaffen, aus dem
Hilfbedürfige unterstützt werden. Bodo ist jeden Donnerstag im Altersheim
und bringt Afrikaanse Lieder mit Guitarrenbegleitung zum Vortrag. Gudrun ist
aktives Mitglied im Gartenclub, dem sozial ausgerichtenen "Donnerstagsclub",
der Afrikaans sprechenden Landfrauenvereinigung. Außerdem sind wir im
Tourismusverein und im Verein 'Freunde des Museums' aktiv tätig. Die soziale
Integration ist uns innerhalb von nur einem Jahr gelungen. Leider gelingt
dies nicht jedem Neuankömmling in unserem geliebten Prince Albert, weil zu
viele versuchen, hier nun alles "ins rechte Lot bringen zu müssen". Zu viele
Neubürger treten gegenüber den Alteinwohnern als Besserwisser auf. Und das
mögen die Leute hier nicht. Deshalb gelingt vielen Neuen die Integration
nicht, sie leben mehr oder weniger abgeschirmt, isoliert, zurückgezogen.
Wir beschäftigen eine farbige Hausgehilfin und einen farbigen Helfer im
Garten. Beide verdienen bei uns so viel Geld, daß sie ihre Familie damit
ernähren können. Damit sind wir auch beim Thema: "Fremde Kultur". Wir dürfen
bei den Beschäftigten keine deutschen Maßstäbe anlegen. Wir hatten zu
lernen, uns auf die Qualität und Bedürfnisse der Farbigen einzustellen. Auch
mit viel Geduld und hilfereichen Maßnahmen ist eine Ausbildung nur bedingt
möglich. Wenn der Gartenboy seinen Bonus, sprich sein Weihnachtsgeld
erhalten hat, kommt er einfach nicht mehr zur Arbeit und hält sich an
keinerlei Vertrag. Dann ist hier Hochsommer und man ist bei unserer
Gartengröße auf eine solche Hilfe - allein zur Bewässerung - dringend
angewiesen.
Mit einem jungen Gartenboy, der uns gute Dienste leistete,
erlebten wir die folgende Geschichte. Er wollte heiraten, hatte aber weder
Geld noch Gut, um die Hochzeit zu bezahlen. Wir halfen ihm, in der Hoffnung,
dadurch die emotionale Bindung zu uns zu festigen, und bezahlten die gesamte
Hochzeit und kleideten ihn komplett ein. Ferner ließen wir die Eheringe
unserer Eltern für ihn und seine Frau umarbeiten, waren bei seiner
kirchlichen Trauung dabei, fotografierten und schenkten ihm die Abzüge. Ein
paar Tage war er verschwunden, er kam nicht mehr zur Arbeit. Als wir Weißen
diesen Vorfall schilderten, gaben sie uns eine einhellige Antwort: "Ihr ward
zu gut zu ihm."
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| Anekdote am Rande:
Mein Caddy kommt zum Golfsplatz. Er hat seine Hose verkehrt herum angezogen.
Ich mache ihn darauf aufmerksam und er antwortet: "Ich weiß, Bodo. Neue
Mode, nur neue Mode." |
Da die weiße Bevölkerung in Südafrika auf die Einwohner Europas, besonders
aus Holland, Deutschland, Belgien, Frankreichs und auch Italien zurückgeht,
erlebten wir von Anfang an eine fast einheimische Kultur. Die meisten
Gasthäuser und Hotels bieten hier, was die Sauberkeit und Einrichtung
betrifft, deutschen Standard, die Wohnviertel der Weißen sind im Großen und
Ganzen gepflegt, was man von denen der Farbigen oder Schwarzen Bevölkerung
nicht gerade sagen kann.
Unsere Kinder waren mit unserem Vorhaben sofort einverstanden, und
mittlerweile schätzen sie auch, daß wir bei ihren Besuchen für eine längere
Zeit zusammen sind als es in Deutschland je der Fall war. Dank e-mail und
günstiger Telefontarife läßt sich der Kontakt zu unserer Familie, zu unseren
Freunden und Bekannten gut halten. Und über Besucher können wir uns nicht
beklagen, im Gegenteil, wir genießen in vollen Zügen die lange Zeit der
Vorfreude auf unsere Kinder, unsere Freunde, Verwandten und Bekannten.
Wenn wir über unseren größten Gewinn nachdenken, dann ist es mit wenigen
Worten zusammengefaßt:
"Ich lebe nicht auf dieser Welt, um deine Erwartungen zu erfüllen.
Und du lebst nicht auf dieser Welt, um meine Erwartungen zu erfüllen.
Ich bin ich und du bist du. Und wenn wir uns begegnen, ist es wunderschön."
So kann jeder von uns seinen Wünschen, seinen Bedürfnisssen und seinem
geliebten Hobby unbeschwert nachgehen. Äußerer Druck ist uns fremd geworden.
Gudrun liebt ihren Garten, stundenlang kann sie sich darin beschäftigen.
Gudrun liebt die Seidenmalerei und kann sich darin tagelang vertiefen.
Gudrun liebt die Fotografie und kann sich durch sie ausdrücken. (Bei einigen
Fotowettbewerben belegte sie erste Preise, ihre Fotopostkarten sind im
Museum zu kaufen.) Gudrun liebt das Kochen und findet im eigenen Garten die
delikatesten Zutaten. Gudrun liebt das Lesen und kann sich mit ihrem Buch in
den Schatten am Swimmingpool zurückziehen.
Bodo liebt das Musizieren und das Singen. (Er produzierte mittlerweile ein
CD mit einem farbigen Chor.) Bodo liebt das Tennis- und Golfspielen und
bewegt sich stundenlang draußen, zu Fuß oder auch auf dem Rad. Bodo schreibt
gern Bücher, hier in der Abgeschiedenheit findet er seine Ruhe dafür.
Jeder von uns hat seine Aufgaben und liebt sie. Daneben gibt es genügend
Raum und Zeit, sich zu begegnen, füreinander da zu sein, miteinander zu
leben.
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Rückblick:
Unsere gezielte Planung des vorzeitigen Ruhestandes und unseren Schritt,
nach Südafrika zu gehen, haben wir nicht in einer Sekunde lang bereut. Wir
haben uns einen Lebenstraum erfüllt. Unseren Lebensabend werden wir in
Prince Albert verbringen. An ein Zurück nach Deutschland denken wir nicht.
Wenn man uns fragt, was wir den Menschen mitgeben möchten, die sich mit dem
Gedanken tragen, in den "Süden" zu ziehen, dann gibt es ganz klare
Antworten:
1. Lerne die Landessprache(n)!
2. Halte dich zurück - beobachte, wie sich die Menschen verhalten. Du gehst
in eine neue, eine andere Kultur.
3. Spiele niemals den Besserwisser: "Nun kommt Mr. Germany!"
Das ist fatal.
4. Erziehe und belehre niemanden, hilf nur dann, wenn man dich um Hilfe
bittet. Und schaue genau hin, wer Dich fragt.
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Gudrun Wallenwein & Bodo G. Toelstede, Autoren vieler
Fachbücher, März 2001
Für alle Beiträge in der Literaturwerkstatt gilt: Für den Inhalt der veröffentlichten Beiträge
sind die Autoren verantwortlich; sie stellen nicht die Meinung der Redaktion dar.
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