| |
|
|
|
|
 |
|
|

|
 |
home
lesen
schreiben
diskutieren
Links
Literatur |
| |
|
|
|
|
| |
|
Auf der Suche nach der Langsamkeit
Die Sehnsucht nach dem Süden entstand bei mir schon im Alter von achtzehn Jahren. Meine erste große Reise (im VW-Bus mit geteilter Frontscheibe), führte mich auf die spanische Insel Formentera, damals wie heute ohne eigenen Flughafen und nur per Schiff erreichbar. Formentara galt als Aussteiger- und Hippieparadies und es erfüllte alle meine diesbezüglichen Erwartungen. Sonne, Sand, Alkohol und andere Drogen, sanfte Mädchen in langen, bunten Gewändern. Man las Hermann Hesse, Klingsors letzter Sommer. Ich blieb sechs Wochen da, es war ein Traum. Gelegentlich sah man hagere Männer auf trockenen Feldern mit altertümlichem Gerät hantieren, schwarzgekleidete Frauen, die in glühender Hitze lange Wege zu Fuß zurücklegten. Die Eingeborenen, wir schenkten ihnen keine weitere Beachtung.
Ich reiste von Formentera ab mit dem festen Willen, so schnell wie möglich zurückzukehren und so lange wie möglich zu bleiben. Bis heute war ich nie wieder da. Spanien war jedoch fortan Ziel meiner Sehnsucht. Seit vielen Jahren hängt neben meinem Schreibtisch ein Bild, auf dem eine Frau, untätig auf einer Mauer sitzend, über einen Platz schaut, der menschenleer in der Mittagshitze liegt. Immer wieder zog es mich nach Spanien, in der Regel mit dem Motorrad und ich liebte es, im Frühjahr auf der Landstraße die Pyrenäen zu überqueren und die warme Luft der Costa Brava zu spüren. Ein Grundstück kaufte ich dann aber letztendlich in Portugal.
Wieso grade Portugal? Ich fühle mich dort sicher. Sicherer jedenfalls als im Folterstaat Türkei oder im Händlerstaat Marokko. Portugal hat keine Atomkraftwerke und - obwohl die Portugiesen traditionell in der Angst leben, von Spanien annektiert zu werden - seit Jahrhunderten keinen Krieg auf eigenem Boden erlebt. Der Portugiese, solange er nicht hinter dem Steuer eines Autos sitzt, scheint mir auch im Durchschnitt weniger aggressiv als andere Zeitgenossen zu sein. Werden in Spanien die Stiere in der Arena getötet, so lässt man sie in Portugal leben. Die bei uns üblichen Prügeleien nach Fußballspielen oder sonstigen Festivitäten kommen kaum vor.
|
 |
| |
|
Es sind natürlich nicht nur Vernunftgründe, die mich dort hinbrachten. Ich hörte einmal, wie ein Deutscher auf die Frage einer Portugiesin, was ihm an Portugal gefalle, antwortete, Portugal sei "atrasado", verspätet, zurückgeblieben. Diese Antwort, die in Deutschland zumindest zu einem Stirnrunzeln geführt hätte, wurde wohlwollend interessiert zur Kenntnis genommen. Portugal, das Land in dem man seine Steuer am Geldautomaten bezahlen kann, wo die Autobahngebühr, ohne das man anhalten muß, elektronisch erfasst und vom Konto abgebucht wird, wo man stolz ist auf gigantische Einkaufszentren, die ich so nicht mal in den USA gesehen habe, hat tatsächlich eine Neigung zum Altmodischen. Man stößt im ganzen Land auf alte Dinge aus Portugals Glanzzeiten, die zwar nicht immer gepflegt, aber doch bewahrt werden.
Die Straßenbahnen von Lissabon sind hier nur die Spitze des Eisbergs. Erwähnenswert ist zweifellos das gigantische Palasthotel von Curia mit dem damals größten Swimming-pool Europas. Der gewaltige Komplex hat zwar den früheren Glanz weitgehend eingebüßt und bei der Benutzung des Aufzugs aus der Gründerzeit braucht man Mut und Geschick. Die alten Speisesäle und die Kellner, die ihren Dienst dort vermutlich vor fünfzig Jahren erstmals angetreten haben, verströmen aber nach wie vor Stil und Eleganz. Oder das riesige verlassene Sanatorium in der Serra de Estrella. Wenn man zwischen zerbrochenen Liegestühlen über die alten Sonnenterrassen geht, denkt man unwillkürlich an Thomas Manns "Zauberberg". Mir gefällt so was. Die Sympathie für das Alte verbindet sich in Portugal nicht selten mit einem Hang zum Mystischen. Düstere Prozessionen, bei denen vermummte Gestalten den Sarg Jesu durch dunkle Straßen tragen, während die Feuerwehrkapelle schaurig-schräge Beerdigungsmusik spielt. Nächtliche Konzerte auf den Treppen der Kathedrale, bei denen schwarz gekleidete Musiker die fast schon zu traurig-sehnsüchtige Fadomusik intonieren. Wim Wenders hat diese Atmosphäre in seinem Lissabon-Film eingefangen. Auch der Film "Erklärt Perreira" mit Marcello Mastroianni in seiner letzten Rolle vermittelt einen guten Eindruck. Portugals bekannteste Musikgruppe "Madredeus" ("Mutter Gottes") versteht es perfekt, dieses dunkle, faszinierende Portugalbild in Szene zu setzen.
|
|
Viele Portugiesen, zumindest auf dem Lande, haben sich auch einen altmodischen Zeitbegriff bewahrt. Mir wurde von Kindesbeinen eingebläut, dass Zeit produktiv genutzt werden muß und sinnlos vertane Zeit schlechterdings verlorene Zeit sei. Ich empfinde daher Unruhe, wenn Dinge langsam vonstatten gehen und überlege stets, wie man sie beschleunigen könnte. Mir fiel nun auf, dass an der Landstraße in der Nähe meines Hauses an Sonn- und Feiertagen von morgens bis abends ein alter Mann sitzt, der Obst verkauft. Das Obst ist billig, er ist auch nicht der einzige Alte an dieser Landstraße und ich habe noch nie ein Auto halten sehen. Der Stundenlohn dürfte bescheiden sein. Ein Stück weiter gibt es eine in Stein gefasste Quelle, aus der Wasser mit angeblich heilsamer Wirkung mehr tröpfelt als fließt. Dort finden sich an arbeitsfreien Tagen zahlreiche Menschen ein, die das Wasser, das man für ca. 1,50 DM im Supermarkt kaufen kann, in zahllosen Plastikkanistern auffangen und damit Stunden zubringen.
Mir wurde erst nach und nach klar, dass diese nach ökonomischen Begriffen sinnlosen Handlungen Freizeitbeschäftigung sind, bei der das Geldsparen bzw. - verdienen eher angenehmer Nebeneffekt ist. Man sitzt in der Sonne, schaut ins Tal, trifft Bekannte und Verwandte. Tatsächlich sieht man in Portugal immer wieder Mitbürger meist fortgeschrittenen Alters, die irgendwo rumsitzen. In dem Städtchen in der Nähe meines Hauses, dessen Ortskern im EU-Geldern tourismusgemäß modernisiert wurde, hat man nicht versäumt, wieder lange Steinbänke zu errichten, auf denen die Alten und sonstigen Unbeschäftigten sitzen können. Wahrscheinlich um Nordeuropäer zu beruhigen erzählen Portugiesen , die Alten warteten dort auf die Rückkehr des Königs São Sebastião, der vor ca. 150 Jahren aufbrach, Portugal ein Weltreich zu erobern und dabei samt Armee verloren ging. Sicherlich ist das eine ereignislose Freizeitbeschäftigung, aber möglicherweise doch angenehmer als stundenlanges Fernsehen oder auf der Autobahn im Stau stehen. Das gute Wetter hilft dabei enorm. Es ist nicht nur die Wärme, sondern auch die strahlende Helligkeit. "Andaluz" heißt die spanische Nachbarprovinz, "geh zum Licht". Auch ich habe mir inzwischen angewöhnt, am späten Nachmittag auf der Terrasse zu sitzen, den Autos- und Motorädern auf der Straße zuzusehen und mit dem einen oder anderen Nachbarn dies oder jenes sinnlose Gespräch zu führen. |
 |
| Ich bin begeisterter Motorradfahrer. Spanien liebte ich daher schon wegen des guten Wetters, der schönen Landschaft und der an Arizona erinnernden Weiten des Innenlandes. Inzwischen habe ich festgestellt, dass auch Portugal erstaunlich groß ist, jedenfalls in seiner Südprovinz, dem Alentejo. Wenn man sie auf der Autobahn durchquert, merkt man dies ebenso wenig, als wenn im Flugzeug darüber hinwegfliegt. Erst wenn man auf die gewundenen Nebenstraßen kommt, oder besser noch mit dem geländegängigen Fahrzeug nichtaspaltierte Straßen und Wege benutzt, fällt einem die Endlosigkeit der Region auf. Ich entdeckte einmal in einer Buchhandlung ein Roadbook, eine Wegbeschreibung für eine Durchquerung des Alentejo abseits der Asphaltstraßen. Für diese Fahrt, die auf der Autobahn in drei Stunden zu schaffen ist, brauchte ich drei Tage. Nicht selten musste ich Tiergatter öffnen und wieder schließen, Hirten nach dem Weg fragen. Ich passierte verlassene Gehöfte oder ganze verlassene Dörfer und sah die prachtvollen Gutshöfe der Großgrundbesitzer, man nennt sie dort "Montes" (Berge). Ein andermal war ich nachmittags mit dem Auto unterwegs, als mich an einer einsamen Straße ein Touristenpärchen stoppte, indem es sich auf der Mitte der Straße placierte. Sie waren zu Fuß auf dem Weg zu einem See, hatten aber die Entfernung unterschätzt und nicht geglaubt, dass nur so wenig Verkehr sein könnte. Es waren Schauspieler aus der ehemaligen DDR, in nahm sie mit nach Hause und sie unterhielten sich und mich, indem sie Tucholsky und Brechtstücke improvisierten. |
 |
| Obwohl ich schon etwas spanisch konnte, verstand ich die erste Zeit in Portugal schlechterdings kein Wort. Einmal fragte ich eine englischsprachige Nachbarin, was eigentlich "Jumbo" bedeute, ein Wort, das ich immer wieder im Radio gehört hatte. Es war schlicht der Name eines Supermarkts, der regelmäßig Werbung machte. Nachdem ich aber den Beschluß gefasst hatte, mich dort dauerhaft zu etablieren, war klar, dass ich auch die Sprache lernen wollte. Die Gespräche der deutschen Einwanderer drehen sich fast nur um Probleme an ihrem Haus oder um die Unzulänglichkeiten des Landes, das sie sich zum Leben ausgesucht haben Zwar kann man sich mit den meisten Portugiesen auch auf Englisch unterhalten. Aber die Zeitungen lesen zu können und das Fernsehen zu verstehen, hat mein Bild von Portugal enorm verändert. Ich fühlte mich wie ein Taucher, der zunächst - ohne Sprachkenntnisse - an der Oberfläche schwimmt, dann aber immer tiefer hinunterkommt und dort eine vielfältige und überraschende Welt entdeckt. Wenn man als Tourist Portugal besucht, fällt zum Beispiel rasch auf, dass viele Portugiesen einen riskanten Fahrstil pflegen und Müll aller Art aus dem Autofenster werfen. Man ist geneigt, dies als nationale Charaktereigenschaft hinzunehmen. So sind sie halt, die Südländer. Mit besseren Sprachkenntnissen wurde mir aber klar, dass es auch in Portugal eine intensive Diskussion um die Sicherheit im Straßenverkehr gibt und dass die Regierung mit verschiedensten Mitteln versucht, des Problems Herr zu werden, allerdings bislang vergeblich. Auch wurde mir deutlich, dass der Umweltschutz den Portugiesen keineswegs gleichgültig ist, sondern dass man z.B. in den Schulen heftige Anstrengungen unternimmt, Problembewusstsein zu erzeugen. Interessant sind für mich auch die Unterschiede im politischen Leben. In der Zeit, als in Deutschland das Thema Bosnien und Kosovo die Zeitungen beherrschte, war es in Portugal Osttimor. Während der Massaker der indonesischen Armee an den Timorensern, über die in Deutschland kaum berichtet wurde, gab es in Portugal eine parteiübergreifende Solidaritätskampagne, die alles übertraf, was ich bislang diesbezüglich erlebt habe. Offenbar ein Versuch nationaler Wiedergutmachung an den früher Beherrschten. Die Denkmäler in Lissabon, und es gibt dort viele, wurden schwarz verhüllt und selbst in kleinsten Dörfern fanden Versammlungen statt. Überhaupt scheint mir die politische Auseinandersetzung entspannter zu verlaufen. Niemand würde z.B. auf die Idee kommen, die Kommunisten auszugrenzen oder vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen, obwohl die kommunistische Partei (sie kandidiert dort übrigens unter dem Namen CDU) weit orthodoxer ist als in Deutschland die PDS. Vor Wahlen wird über die Kleinstparteien recht respektvoll und keineswegs gehässig berichtet, seien es nun Maoisten oder Royalisten. |
 |
| Für mich selbst überraschend war, dass ich, seit ich Portugal und die Portugiesen besser kenne, manches an Deutschland und den Deutschen wieder sympathischer finde. Es erfüllt mich mit einer Art stolzer Genugtuung, wenn sich Portugiesen verlegen winden, weil sie mal wieder einen Termin vergessen haben oder zu spät kommen. Gerade gegenüber Deutschen ist ihnen das peinlich, denn die deutsche Pünktlichkeit genießt dort einen legendären Ruf. Ich habe inzwischen auch das deutsche Berufsausbildungswesen schätzen gelernt. Anfangs ließ ich die Inspektionen am Auto in Portugal machen, sie sind dort billiger. Inzwischen versuche ich, wenn irgendmöglich, sie in Deutschland zu erledigen. Das Auto fährt dann besser. Komplizierte Heizungssteuerung oder gar Solartechnologie wird im Sonnenland Portugal fast immer von Deutschen installiert. Der Portugiese, der meine Solaranlage einstellte, antwortete auf mein mühsames Portugiesisch in perfektem Deutsch. Er hatte zwanzig Jahre in Hamburg gearbeitet und dort seine beruflichen Fachkenntnisse erworben. Ich bin sogar dazu übergegangen, die Flüge in einem deutschen Reisebüro in Portugal zu buchen. Das nette portugiesische Reisebüro, bei dem ich damals das Ticket für die Osttürkei kaufte, hatte den Anschlussflug um 00.12 Uhr in Istanbul noch unter dem Datum des Vortags reserviert. Natürlich ist auch in meiner deutschen Heimatstadt schlechterdings "mehr los" als in der portugiesischen Provinz. Die portugiesische Studentin, die uns durch die Portweinkellerei im bildschönen Porto, Portugals zweitgrößter Stadt, führte, antwortete auf die Frage nach ihrem guten Deutsch, sie sei in Deutschland aufgewachsen. Ihr sehnlichster Wunsch sei, nach Abschluß des Studiums Porto den Rücken zu kehren und nach Deutschland auszuwandern. Die Stadt, in die es sie mit Macht zurückzog, war erstaunlicherweise Dortmund. Die Geschmäcker sind halt verschieden. |
 |
| |
|
| Paul Tiefenbach, Algarve/Portugal, Dez. 2000 |
|
| Für alle Beiträge in der Literaturwerkstatt gilt: Für den Inhalt der veröffentlichten Beiträge
sind die Autoren verantwortlich; sie stellen nicht die Meinung der Redaktion dar. |
|
| |
|
|
|
|
|
|
|
|