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KANADA

1 - Ein Leben in der Neuen Welt

2 - Vom Baselland nach Ontario

 
   

Ein Leben in der Neuen Welt
Kanada 1956 - 2001

Fast 45 Jahre musste ich zurückdenken, um die nachfolgenden Seiten aufschreiben zu können. Am Anfang ging alles sehr langsam, musste ich doch nach langer Zeit wieder deutsch denken und schreiben. Aber je mehr ich schrieb, um so besser und schneller ging es. Die folgenden Ereignisse haben sich alle zugetragen, allerdings kann es sein, dass ich manche nicht in die richtige Reihenfolge eingeordnet habe. Ich stelle auch fest, dass ich mich nur an das erinnere, was für mich von Bedeutung war und mich beeindruckt hat.

1956
Ich habe ganz schnell geheiratet Im Alter von 23 Jahren arbeitete ich als Sachbearbeiterin bereits mehr als drei Jahre im Arbeitsamt Nürnberg, wo fast ausschließlich Männer beschäftigt waren. Im Winter 1956 lernte ich hier meinen späteren Mann Werner Popp kennen, der gelernter Kürschner war, aber auf Druck seines Vater im Beamtendienst arbeiten musste, obwohl er diese Tätigkeit nicht ausstehen konnte. Kanada suchte Mitte der 50er-Jahre in vielen europäischen Ländern Einwanderer, die in der Neuen Welt eine neue Heimat finden und sich einen Traum erfüllen sollten. Werner war daran sehr interessiert und so gingen wir zu einem Lichtbildervortrag, um uns über dieses Land zu informieren. Danach wollte Werner unbedingt nach Kanada und ich glaube, er wäre sogar zum Nordpol gegangen, nur um von seinem Vater weg zu kommen. Jung und unerfahren ging ich auf das Abenteuer mit ein - es war mal etwas anderes. Allerdings wäre es besser verheiratet zu sein, denn die spätere Einreise nach Kanada ginge dann für uns schneller. Am 1. September 1956 wurden wir im Standesamt getraut, bei mir zu Hause wurde nicht viel Trara gemacht und Werner wohnte dann gleich bei uns, weil er sich mit seinem Vater verkracht hatte.

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    Auswanderung nach Kanada
Werner reiste bereits am 15. September 1956 mit einem Schiff von Hamburg ab. Zuvor hatte ich Verbindung mit meinem Halbbruder Franz in Montreal aufgenommen und Werner durfte die erste Zeit bei ihm wohnen. Nun arbeitete er wieder als Kürschner und sparte Geld für meine Einreise. Nach ein paar Monaten wollte ich eigentlich nicht mehr auswandern und hätte mein Ex-Freund gesagt, ich soll in Deutschland bleiben, wäre ich nicht ausgewandert. Ich wollte mich ihm aber nicht an den Hals schmeißen und so bin ich schließlich am 28. Februar 1957 von Nürnberg über Amsterdam, New York und Gander nach Montreal geflogen. Dreimal musste ich umsteigen, sprach kein Wort Englisch und die Propeller der Maschine machten mich fast taub. Montreal war zu Beginn eine große Enttäuschung. Ich hatte mich gleich erkältet und auch das Heimweh war sofort da. Nach ein paar Tagen bei meinem Halbbruder zog ich mit Werner in eine eigene Wohnung mit Kühlschrank und Waschmaschine, einem Komfort, der für mich wie ein Wunder war. Wie schwer hatte es meine Mutter mit der Hausarbeit und hier waren solche Geräte ganz selbstverständlich.

Beruflich hatte ich immer großen Erfolg
Natürlich musste auch ich Arbeit finden, denn Werner hat schon damals viel Geld verschwendet, was ich aber nicht wusste, denn ich konnte ja noch nicht englisch sprechen oder lesen. Er brachte mich in einer Pelznäherei unter, in der viele deutsche Frauen beschäftigt waren. Also lernte ich Pelz nähen in Handarbeit. Es war Stückarbeit und nach zwei Jahren war ich die Schnellste. Während der zwei Jahre als Pelznäherin hatte ich mir Englisch selbst beigebracht. Ich kaufte ein Wörterbuch und übersetzte kleine Artikel aus der Zeitung. Auch das Fernsehen hat viel geholfen. Jedenfalls konnte ich auch alles schreiben was ich lernte. Nachdem der Pelzinhaber dann sein Geschäft einfach geschlossen hatte, habe ich mich in einem englischen Restaurant als Serviererin beworben. Die hatten mich vier Wochen eingearbeitet und ich stellte fest, dass mir die Arbeit mit Publikum sehr gefällt. Ich verdiente auch mehr als vorher, denn wenn man jung ist, schnell serviert und zu den Gästen besonders freundlich ist, bekommt man sehr viel Trinkgeld zugesteckt.
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  Meine Mutter habe ich nicht mehr gesehen
Dann kam das Jahr 1960 und der Tod meiner Mutter. Ich konnte einen Flug nach Deutschland erst zwei Tage später erhalten und so verpasste ich Mamas Beerdigung um vier Stunden. Eigentlich war ich froh, dass ich Mama nicht mehr gesehen habe, ich habe sie immer noch so in Erinnerung wie sie am Tag meiner Auswanderung aussah. Aber ich weiß, wie schrecklich es für sie gewesen sein musste, mich nicht mehr zu sehen. Auch jetzt muss ich wieder weinen. Ich bin dann eine Woche bei meinem Bruder in Nürnberg geblieben und wollte nicht mehr zurück nach Kanada, aber ich musste feststellen, dass meine Heimat nicht mehr so wie vor drei Jahren war. Deutschland hatte sich zwar nicht verändert, aber ich hatte mich schon an das kanadische Leben gewöhnt. Also flog ich wieder zurück.

Mit Werner gab es immer große Probleme
Mein Mann verbrachte immer häufiger seine Freizeit in den Pubs, wo er sich dem Alkohol hingab. Mein Neffe Robert aus Deutschland erinnert sich, dass er bei seinem Besuch in Kanada im Sommer 1966 nicht verstehen konnte, dass er von seinem Onkel in einen dieser Pubs eingeladen wurde, während ich im Auto warten musste, weil der Zutritt für Frauen nicht möglich war. Ein Jahr später arbeitete ich als Bedienung in einem deutsch-kanadischen Bierkeller. Wir servierten deutsches Essen und Bier aus Deutschland. Die Kanadier kannten weder deutsche Spezialitäten noch bayerische Musik. Beides gefiel ihnen aber so gut, dass sie an den Wochenenden vor dem Bierkeller Schlange stehen mussten. Ich hatte damals eine sehr gute Zeit, denn ich erinnerte mich an meine Heimat und sang beim Servieren der Bierkrüge mit der Kapelle mit. Leider gab es auch hier viele betrunkene Gäste. 1967 fand in Montreal die Weltausstellung EXPO statt. Seit dieser Zeit, so sagen wir, ist Montreal endlich auf der Landkarte sichtbar. Mein Mann Werner wurde aber Alkoholiker und besaß kein Geld mehr. Zweimal hatten wir uns schon getrennt, doch ich hatte immer Mitleid mit ihm und kehrte zu ihm zurück. Beim dritten Mal war die Trennung endgültig. Auch habe ich damals meinen jetzigen Mann David kennen gelernt. Er ist fünf Jahre jünger als ich und Betriebsleiter bei einer Zigaretten-Kompanie.
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    Mit David in die Provinz Ontario
David und ich lebten insgesamt schon sieben Jahre zusammen, bevor wir dann im Dezember 1975 heirateten. Wir wohnten in Montreal bis 1977. Beruflich hatte ich in all den Jahren sehr viel gelernt. Als Serviererin arbeitete ich für vier verschiedene Restaurants, das letzte war in einem Hotel in der Innenstadt, wo ich den Speisesaal geführt habe. David wurde dann von seiner Firma nach Brampton (Ontario) versetzt, weil er als sturer Engländer nicht französisch lernen wollte. So landeten wir in Orangeville, 90 Kilometer nördlich von Toronto. Der Kauf von Häusern war dort billiger als beispielsweise in Toronto und die Stadt ist nur eine halbe Auto-Stunde von Brampton entfernt. Orangeville hatte zu dieser Zeit nur 12.000 Einwohner und kein geeignetes Restaurant, in dem ich hätte arbeiten können. In einem Zeitungsinserat suchte aber jemand eine Näherin und ich bewarb mich auf diese Stelle. Für sieben Jahre habe ich dann hier als Heimarbeiterin gearbeitet. Wir fertigten Topflappen, Schürzen etc., alles für die Küche und dann fingen wir mit Stofftieren an. Es war wieder Stückarbeit und ich arbeitete 7 Tage - 12 Stunden am Tag - und verdiente viel Geld. Obwohl die Stücke nur für den Großhandel hergestellt wurden, musste ich auch Einzelstücke für Ausstellungen fertigen.

Eine der größten Ausstellungen findet in Toronto statt, zu der sehr viele nordamerikanische Käufer kommen. Eines Tages wollte meine Chefin einen riesengroßen Krautkopf haben, damit sie ihre kleinen Cabbage Dolls (Krautpuppen) darauf setzen kann. Also begann ich einen Krautkopf zu entwerfen, was mir nicht schwer fiel. In die Blätter zog ich einen starken Draht, damit sie schön aufrecht stehen. Der Kopf war so groß, dass ich alles auf meinem Bett zusammennähen musste. Und dann ging das Ungetüm nicht durch die Tür. Also habe ich ihn wieder aufgetrennt und in der Garage erneut zusammengenäht. Aus diesen kleinen Puppen entstanden dann die großen Cabbage Dolls. Eine der größten Spielzeugfabriken in den Staaten (Mattel) entwickelte daraus eine große Puppe, natürlich mit Plastikköpfen, und patentierte sie. Diese Puppen waren für viele Jahre das Geschenk Nummer Eins an Weihnachten. Es gibt sie auch heute noch.
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    Eines Tages rief mich meine Arbeitgeberin an
und teilte mir mit, dass sich eine Fernsehstation bei mir melden wird, um mich beim Nähen zu filmen. Es erschien bei mir wirklich ein Team mit Kamera, Mikrofon, Scheinwerfern und vielen Kabeln. Vor dem Haus versammelte sich die ganze Nachbarschaft, die wissen wollte, weshalb bei mir gedreht würde. Die zehnminütige Aufnahme mit meinen Nähkünsten gehörte zu einer halbstündigen Sendung über Menschen, die ohne staatliche Hilfe eine eigene Existenz aufgebaut haben. Es dauerte nicht lange, und ich bekam einen Anruf von der Inhaberin der Konkurrenz, um mich zu fragen, ob ich nicht bei ihr arbeiten wolle. Sie hatte ein großes Lagerhaus gemietet und bereits drei Frauen angestellt. Diese Unternehmerin stellte ähnliches her, aber mit mehr Spitzen und Rüschen. Also fing ich bei ihr an, obwohl das Geschäft außerhalb meines Ortes war und ich eine halbe Stunde mit dem Auto fahren musste. Auch hier gefiel es mir sehr gut, nicht nur weil ich nähen konnte, sondern auch Schnitte entwerfen durfte.

Eines Tages kaufte diese Frau viel Stoff zu einem sehr günstigen Preis, wusste aber nicht, was sie daraus machen sollte. Ich kam dann auf die Idee, dass wir Sommer- oder Freizeitkleidung daraus schneidern könnten. Gesagt - getan und ich entwarf Hosenanzüge, Kleider, lange Hosen, kurze Hosen, Blusen und Jacken. Meine Chefin freute sich so darüber, dass sie sogar eine Modenschau veranstaltete. Wir hatten so viele Bestellungen, dass wir zusätzliche Aushilfen einstellen mussten. Eines Abends, als ich mit dem Auto nach Hause fuhr, sah ich am Horizont ganz dunkle Wolken am Himmel. Ich hoffte, vor einem drohenden Gewitter noch rechtzeitig nach Hause zu kommen. Zum Glück habe ich es rechtzeitig geschafft, denn sonst könnte ich jetzt nicht hier sitzen und meine Erlebnisse aufschreiben. Ein Tornado durchzog unsere Gegend, so auch die Bundesstraße, auf der ich noch fünf Minuten vorher mit meinem Auto fuhr. Dieser Tornado vernichtete alle Gebäude links und rechts der Straße, die Autos flogen durch die Luft und landeten viele Meter weiter am Straßenrand. Unsere nächstliegende Ortschaft wurde vollkommen zerstört und es gab zahlreiche Tote. Orangeville wurde verschont, wir hatten nur großen Sturmschaden.

Nach sieben Jahren in diesem Unternehmen ruhte ich mich etwas aus, konnte aber auch nicht zu Hause ruhig sitzen und suchte wieder Arbeit. Orangeville war inzwischen auf 18.000 Einwohner gewachsen. In einer Kaufhalle wurden Verkäuferinnen gesucht, also begann ich hier zu arbeiten. Ich musste auch Warenbestellungen machen und landete schließlich im Büro, was mir sehr gefallen hat. Leider machte die Firma 1994 pleite, weil der Walmart einen Laden eröffnete. Das Arbeitsgericht hat uns zwar eine Abfindungssumme gegeben, aber ich hatte keine Arbeit mehr.
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    Immer wieder besuchte ich meine Heimat
In all diesen Jahren besuchte uns meine jüngere Schwester Elfi und ihr Freund Karl. Ab 1989 flogen wir auch zu meinen Geschwistern nach Deutschland und begannen in Österreich und Italien das Bergsteigen. In den folgenden fünf Jahre verbrachten wir unseren Sommerurlaub in den Alpen und machten viele Bergsteigerabzeichen mit Urkunde. Mit meinem Bruder haben wir zahlreiche kleinen Ortschaften Bayerns erkundet, Ehrenhallen, Klöster, Schlösser, aber auch viele Kirchweihen und Volksfeste besucht. Ich bin ganz verrückt nach Schießbuden, denn ich bin ziemlich gut im Schießen. Auf einem Schützenfest war ich bei über 200 Schützen die Drittbeste. Meinem Mann gefällt dies alles, weil Engländer so etwas nicht kennen. In Montreal und Toronto habe ich auch an öffentlichen Gameshows für das Fernsehen teilgenommen, wo ich allerdings nach einigen Runden verlor. Dennoch brachte ich lukrative Preise mit nach Hause. Seit 1994 besitzen wir einen Wohnwagen und verbringen unseren Urlaub meistens in den Staaten. Deutschland muss also noch etwas warten. Ich bin immer noch deutsche Staatsbürgerin und meine Angestelltenrente bekomme ich von Berlin, die nach Orangeville überwiesen wird.
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    Natur und Tiere stehen bei mir an erster Stelle
Ich selbst bin ja immer schon für die Natur und Tiere gewesen. Jedes Haus, in dem ich wohnte, musste einen schönen Garten haben und als wir das erste Mal in Orangeville wohnten, gestaltete ich einen Vorgarten, der dreimal als "Schönster Garten in Orangeville" ausgezeichnet wurde. Wir verkauften das Haus 1989 und der jetzige Inhaber hat alles wieder herausgerissen und Rasen angelegt. Die Nordamerikaner sind ziemlich phlegmatisch, nur nicht zu viel arbeiten. Wir wohnten dann für sieben Jahre in Brampton in einer Eigentumswohnung im 18. Stockwerk, sind aber dann 1996 wieder nach Orangeville gezogen, wo wir auch heute noch leben. Das Haus war neu, wir haben aber nicht viel Gartenfläche. Vorne gibt es nur einen schmalen Streifen mit Rasen, der Rest ist eine doppelte Einfahrt. An der Seite des Hauses habe ich einen Blumengarten angelegt, der sich um das ganze Grundstück herum fortsetzt. Ich pflanzte auch zwei Ahornbäume. Gemüse lohnt sich nicht, weil wir im Sommer nie da sind.
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    Ich lebe nun viel bewusster
Heute arbeite ich als Rentnerin noch zwei Tage in der Woche ehrenamtlich für die hiesige Heilsarmee. Die haben hier einen großen Laden, nur drei Minuten von meinem Haus entfernt . Hier verkaufen wir alles, was uns die Leute geben, zu einem spottbilligen Preis. Ich sitze an der Kasse, muss aber noch einen Haufen anderes Zeug tun. Außerdem bin ich immer noch ein sehr großer Sportliebhaber: Baseball, Schifahren, Football, Eishockey, Tennis und Golf. Wenn kein Sport im Fernsehen ist, bin ich fast krank. Und natürlich Fußball, aber diese Sportart ist in Kanada nicht sehr populär, außer wenn Weltmeisterschaften stattfinden. Kanada ist ja eine Eishockey-Nation. Ich muss noch zugeben, dass ich eine leidenschaftliche Kasino-Besucherin bin. Einmal im Monat spiele ich mit meiner Freundin an der Slotmaschine (25 Cents) die ganze Nacht hindurch. Bis jetzt habe ich dreimal groß gewonnen, aber manchmal verliere ich auch. Eines Tages werde ich Las Vegas besuchen, denn ich habe viel Spaß beim Spielen, fast wie beim Schießen. Gesundheitlich kann ich mich überhaupt nicht beklagen. Ich bin immer noch sehr aktiv, allerdings ohne meine eigenen Zähne. Habe etwas Rheuma im Winter, aber sonst ist alles o.k.

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Nachwort

Meine ersten 24 Jahre lebte ich in Deutschland, in Kanada werden es bald 43 Jahre sein. Zeitmäßig habe ich also in der Neuen Welt mehr erlebt, worüber ich wirklich ein Buch schreiben könnte. Der Unterschied zwischen Kanada und Deutschland ist die Größe und Weite des Landes. Als Besucher kann man das nicht begreifen, man muss hier mindestens ein paar Jahre leben. Kanada hat 2 Territorien und 10 Provinzen, wovon Quebec die größte ist, 41/2mal größer als Deutschland. Es sind sehr große Unterschiede zwischen den einzelnen Provinzen, der Sprache, dem Klima und auch der Regierung. Ich lebe jetzt in Ontario, der zweitgrößten Provinz Kanadas. Die Niagara Fälle sind nur 200 Kilometer südlich von Orangeville. Seitdem die Regierung das "Las Vegas Stil Casino" genehmigte, ist Niagara 12 Monate lang ein Touristenort. Viele Besucher kommen aus den Staaten, weil die Gewinne steuerfrei sind, während man in den USA 20% Steuer auf die Gewinne bezahlen muss. Ontario liegt auch an den vier großen Seen Superior-, Erie-, Ontario- und Huron See. Die kleinste Provinz ist Prince Edward Island im Atlantischen Ozean, die ich mit meinem Mann vor ein paar Jahren besuchte. Die Erde auf dieser Insel ist rötlich und es werden überwiegend Kartoffeln angebaut, die in Nordamerika sehr berühmt sind. Auch besuchten wir New Brunswick, eine zweisprachige Provinz, die für ihre Produktion von Meeresfrüchten weltberühmt ist. Ich beobachtete in einer Hummerfabrik, wie Transportkisten mit Hummerfleisch in Dosen in einen Lufthansa -Container verladen wurden. Britisch Columbia an der Westküste ist die wärmste Provinz und ein Flug von Toronto nach Vancouver dauert genau so lange wie nach Frankfurt .

In den 50er-Jahren wurden wir Europäer in Kanada mit offenen Armen aufgenommen, hatten wir doch alle eine abgeschlossene Berufsausbildung, die es hier immer noch nicht gibt. Man konnte sehr gut Geld verdienen, das man als Deutscher fleißig spart oder in Immobilien investiert. Heute, nach über 40 Jahren, sind viele Einwanderer Millionäre geworden, zu denen ich aber nicht gehöre. In Montreal (Quebec) lebte ich fast 20 Jahre. Die Landessprache ist hier Französisch. Ich selbst lernte diese Sprache nie, nur ein paar Wörter, die für meinen Beruf notwendig waren. Man kam ja leicht mit Englisch zurecht. Ich stelle fest, dass ich hier mehr schlechte als gute Zeiten erlebt habe. Dies änderte sich aber von heute auf morgen, denn nachdem meine Schwester Elfi gestorben war und ich mich nach ihrer Beerdigung auf dem Heimflug nach Kanada befand, hatte ich viel Zeit zum Nachdenken.
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    Warum musste meine jüngere Schwester so früh sterben?
Was hatte sie von ihrem kurzen Leben? Hatte sie noch Zukunftspläne? . . . Und dann dachte ich an mein eigenes Leben, dass auch ich im nächsten Moment tot sein könne, sollte mein Flugzeug abstürzen. Warum also nehme ich alles so ernst, ärgere mich über andere Leute oder streite manchmal mit meinem Mann? Warum mache ich Pläne für die nächsten Jahre? In einer Sekunde kann ja alles vorbei sein! Ich bin ein Mensch geworden, der sich über nichts mehr aufregt, vor allem nicht über andere Menschen, sei es mein Mann oder ein Nachbar, seien es Politiker oder Verwandte. Ich sage was ich meine, doch manchmal kommt es schneller heraus als mein fertiger Gedanke. Ich lebe jetzt nur für den Augenblick und genieße Tag für Tag. Ich kenne keinen Stress und bin am glücklichsten, wenn ich soviel Arbeit habe, dass ich nicht weiß, wo ich zuerst hinlangen soll. Dabei beginne ich zu singen und flitze hin und her. Ich kenne keinen Hass, entweder mag ich einen Menschen oder nicht. Wenn nicht, dann existiert er für mich nicht und ich verschwende keine Gedanken an ihn. Wenn ja, und der Mensch ist in Not, kann er mein letztes Hemd haben, denn er braucht es mehr als ich.

Wenn mich Menschen das erste Mal sehen, können sie mich wegen meiner direkten Art nicht ausstehen, aber wenn sie merken, dass ich ja gar nicht so bin, werden sie alle meine Freunde - und ich habe sehr viele. Ich bin jetzt ein sehr glücklicher Mensch und es ist eigentlich langweilig mit mir zu leben, immer das Gleiche, keine Aufregungen oder Bosheiten. Ich tue endlich das, was mir gefällt, ohne zu berücksichtigen, was vielleicht andere Menschen darüber denken und ob es recht ist. Und nachdem ich Tiere den Menschen sowieso bevorzuge, habe ich meine finanzielle Unterstützung für vier Tierschutzvereine erhöht und den Rest meiner Rente verspiele ich im Kasino. Ich kann ja Geld in mein nächstes Leben nicht mitnehmen. Würde ich meine Altersjahre in Deutschland verbringen? Nein! Sogar während meiner Besuche in Deutschland fühle ich mich eingeschränkt, denn alles liegt zu nahe beieinander. Ich habe mich also an das freie Leben in Kanada sehr gewöhnt. Eine Sache habe ich aber dennoch geplant: Sollte mein Mann mich überleben, bitte ich ihn, meine Asche in das gemeinsame Grab von meiner Mutter und meiner Schwester Elfi nach Deutschland zu überführen.
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    Gertrud Evans geb. Flauger  
    Für alle Beiträge in der Literaturwerkstatt gilt: Für den Inhalt der veröffentlichten Beiträge sind die Autoren verantwortlich; sie stellen nicht die Meinung der Redaktion dar.  
               
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