| |
|
|
|
|
 |
|
|

|
 |
home
lesen
schreiben
diskutieren
Links
Literatur |
| |
|
FRANKREICH
1 - Auswandern als Lebensform auf Zeit
2 -
|
|
|
| |
|
Auswandern
als Lebensform auf Zeit
Nach ihrer Pensionierung entschlossen sich Charly und Rita
Schnegg zu einer besonderen Lebensform: Er wanderte nach
Frankreich aus, sie blieb in der Schweiz zurück. Verbunden
bleiben sie trotzdem.

"Eigentlich bin ich nur ein temporärer Auswanderer",
meint Charly Schnegg, der nach seiner Pensionierung vor zehn Jahren
höchstens daran dachte, den Sommer in den Cevennen zu verbringen.
Doch schliesslich verlegte er seine Schriften nach Frankreich und
kehrt jetzt nur noch über den Winter oder für besondere
Gelegenheiten in die Schweiz zurück. In der Schweiz ist aber
seine Frau Rita geblieben, hier wohnen seine vier Kinder und sechs
Grosskinder und viele Freunde. Diese waren der Grund, warum Rita
Schnegg nie ans Auswandern dachte: "Hier habe ich meine Familie,
meine Aufgabe,
und hier bin ich zu Hause." So hatte sie auch keine Mühe,
gleich von Anfang an ihrer Umgebung zu sagen: "Mein Mann ist
in Frankreich." Charly plagte wegen dieser Distanz eher ein
schlechtes Gewissen, obwohl nach seiner Pensionierung mehr Freiraum
und Unabhängigkeit zwischen den Ehepartnern dringend nötig
waren: Mehr als dreissig Jahre lang hatte die Familie im kleinen
Schulhaus auf dem Land gewohnt, wo Charly Schnegg während vielen
Jahren die Oberstufe unterrichtet hatte. Selbst zum Pausenkaffee
war Charly Schnegg mit ein paar Schritten schon wieder in der gemeinsamen
Wohnung zurück gewesen. "Freiheit nehmen und geben"
war deshalb ein grosses Bedürfnis von beiden.
|
 |
| |
|
Die Stellung
als Lehrer auf dem Land war es auch, welche die Familie schon vor
vielen Jahren"Auswandern" dazu bewogen hatte, wenigstens
in ihren Ferien ein bisschen Distanz zum Dorf zu gewinnen.
Charly und Rita Schnegg sagten deshalb ohne Zögern zu, als sie
an ihrem Ferienort in Frankreich ein Grundstück mit einer alten
Ruine darauf erwerben konnten. Rund ein Hektar gross war es, "avec
un tas de pierres", wie die Einheimischen sagten, mit einem "Dornröschenschloss",
wie sich Rita Schnegg heute erinnert. Dort, wo die Küche hätte
sein sollen, wuchs ein Kirschbaum, überall rankten Brombeerstauden,
Ginster und Farnkraut, standen Pinien und Kastanienbäume. Schon
bei ihrem ersten Besuch wussten Rita und Charly Schnegg sofort, wie
das Haus einmal werden sollte.
Während all den Baujahren wichen sie nur unwesentlich von ihrer
ersten inneren Vorstellung ab. Den Rohbau liess die Familie von einem
Handwerker aus dem Dorf erstellen, die meiste Arbeit machte sie aber
selber, oft mit Hilfe von Freunden aus der Schweiz. Seit einiger Zeit
schon widmet sich Charly Schnegg neben seinem Haushalt intensiv dem
Garten. Unmengen von Eingemachtem sind jedes Jahr sein Stolz. Dabei
ist "Tomba", ein Püree aus Tomaten und Basilikum, seine
Spezialität. Im Herbst, während der Erntezeit, wird er dabei
von seiner Frau Rita unterstützt: Sie verbringt dann einige Tage
im Haus ihres Mannes und sammelt Steinpilze, die in dieser Gegend
im Überfluss wachsen. Die Liebe zu Haus, Garten und Umgebung
ist auch der Hauptgrund für Charly Schneggs Aufenthalt in Frankreich:
Er lebt mitten in der Natur und geht dabei seinem eigenen Lebensrhythmus
nach. Nur das Telefon sei seine Nabelschnur zur Aussenwelt, sagt Rita
Schnegg. So geht er am Abend früh ins Bett, steht um fünf
Uhr auf, beobachtet das Wetter und trotzt den wilden Pflanzen, Stauden
und Ranken, die immer wieder alles zu überwuchern drohen. Zu
den überlauten Klängen eines Brandenburgischen Konzerts
jätet und rodet er den Garten und seine Umgebung. "Die Wiedereroberung",
eine Geschichte von Franz Hohler, in welcher sich die Natur ihren
Teil von den Menschen zurückholt, komme ihm dabei jeweilen in
den Sinn. Niemanden stört er mit seiner lauten Musik, aber auch
mit niemandem redet er, manchmal während Tagen. Einsamkeit sei
der Preis, den er für dieses Leben mit der Natur zu zahlen bereit
sei. Einsamkeit - und auch eine gewisse Heimatlosigkeit: "Ich
fühle mich weder hier noch dort zu Hause", sagt Charly Schnegg,
der von "mir" redet, wenn er Frankreich meint und von "uns",
wenn er von der Schweiz spricht. Zum einen machte es ihm die einheimische
Bevölkerung nicht leicht: Erst seit er fast ständig bei
ihr wohnt und sogar den "Chorale de vendredi" besucht, wo
noch alte Volkslieder im ursprünglichen Dialekt gesungen werden,
wird er auch von ihr akzeptiert. Zum andern seien die Cevennen eben
nicht die Camargue oder die Provence; sie seien genauso, wie der französische
Liedermacher Jean Ferrat sie in seinem chanson "la montagne"
beschreibt: Vom Talboden aus führen steile Hänge hinauf
in die Höhen, mit Terrassen versuchen die Bewohner, dem Boden
etwas flaches Kulturland abzuringen. Es sei eine Gegend für schwermütige
Menschen, verhalten, verschlossen: "Vielleicht gleichen wir uns
halt doch ein wenig." |
|
| |
|
Höchstens
gesundheitliche Gründe könnten Charly Schnegg zu einer definitiven
Rückkehr in die Schweiz bewegen. Der Herausforderung, in dieser
wilden Gegend zu leben, wird er auf die Dauer nicht gewachsen bleiben.
Langsam spürt er sein Alter, beginnt an Kraft und Energie zu
verlieren. Schon jetzt kommt er im Winter, wenn es Zeit wird für
lange Unterhosen, Zipfelmütze und Faserpelz-Pullover, wenn die
Nebel im steilen Tal hängen bleiben, die Feuchtigkeit durch alle
Ritzen dringt und ihn die "Gsüchti" plagt, zurück
in die Schweiz. Doch Entscheidungen will Charly Schnegg vorläufig
keine treffen, denn noch ist er zu ratlos, wie seine Zukunft aussehen
soll. Wo soll er bleiben? Er weiss es nicht, kann sich weder das eine
noch das andere vorstellen. Rita Schnegg, die sich der Auswanderung
ihres Mannes zum Trotz ihr eigenes Leben aufgebaut und sich ihren
Freundeskreis erhalten hat, versucht, diese Ratlosigkeit gelassen
zu nehmen: "Es kommt, wie's kommt."
|
|
| |
|
aufgezeichnet von Usch Vollenwyder für Zeitlupe 6/98
mit freundlicher Genehmigung www.seniorweb.ch
|
|
| |
|
Für alle Beiträge in der Literaturwerkstatt
gilt: Für den Inhalt der veröffentlichten Beiträge
sind die Autoren verantwortlich; sie stellen nicht die Meinung der
Redaktion dar.
|
 |
| |
|
|
|
|
|
|
|
|