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Die
Walls of Hope
Eine erstaunliche Erfolgsgeschichte deutscher
Entwicklungszusammenarbeit |
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In der öffentlichen Wahrnehmung
existiert Äthiopien nurmehr als Ursprungsland von Horrormeldungen:
Dürrekatastrophen, Hungersnöte und Kriegsgemetzel lösen einander in
den Nachrichten ab. Mit einigen Jahren Verspätung gegenüber dem schwarzafrikanischen
Kontinent, dafür aber umso dramatischer, bricht jetzt die AIDS-Epidemie
über das Land herein. Bereits heute lebt jeder 10. der weltweit 30
Millionen HIV-Positiven in Äthiopien - einem Land, welches zu den
ärmsten Ländern der Welt zählt. Ausgezehrt von dem gerade beendeten
Krieg mit Eritrea und der letzten Hungersnot im Frühjahr - woher soll
Äthiopien die Ressourcen nehmen, um dieser neuen Invasion Widerstand
entgegenzusetzen? |
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Einer Bedrohung, die noch
weitaus gefährlicher einzuschätzen ist als jeder bösgesinnte Nachbar.
Wie einen solchen unsichtbaren Feind bekämpfen, wenn er nicht einmal
benannt werden darf - ganz im Gegensatz zum militärischen Gegner?
Das Thema HIV/AIDS war nämlich bis vor kurzem in diesem von Jahrhunderte
alten Traditionen beherrschten Land schlichtweg tabu. |
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Und doch kommen aus dieser
aussichtslos erscheinenden Situation überraschende Erfolgsmeldungen,
ist es endlich gelungen, das Schweigen zu brechen und die Bevölkerung
im Kampf gegen AIDS zu mobilisieren. Im Auftrag des Bundesministeriums
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützt
die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) rund
30 Projekte in Äthiopien, darunter das "Projekt zur Förderung der
reproduktiven Gesundheit" (PRHE). |
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Hinter diesem Fachterminus
versteht sich ein in seinen Ausmaßen weltweit einzigartiges Vorhaben:
die flächendeckende Versorgung der Landbevölkerung mit Familienplanungsdiensten.
Zunächst im äthiopischen Kernland Amhara, dann auch in den Bundesländern
Oromia und Tigray. Bis zum Jahresanfang 2001 wurden bereits 6000 Dorffreiwillige
vom Projekt als Helfer ausgebildet, weitere 1000-1500 sollen folgen.
Die aktuellen Herausforderungen für das äthiopische Gesundheitswesen
sind so groß, daß die Gesundheitsbehörden völlig überfordert sind.
Hier setzt das PRHE mit der Förderung der Verwaltungskapazität an.
In diesem Zusammenhang wird erstmals in diesem Sektor ein computergestütztes
Informationssystem aufgebaut. |
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Die Weltbank
schätzt, dass bis zu 30% der heute 15jährigen Äthiopier an AIDS
sterben wird.
Abgesichts dieser Perspektive kommt der AIDS-Aufklärung unter Jugendlichen
eine ganz besondere Rolle zu. Gemeinsam mit den Gesundheits- und Schulbehörden
versucht das PRHE, moderne Bildungsprogramme zur HIV/AIDS-Prävention
zu entwickeln. |
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Angesichts dramatisch
steigender HIV-Infektionsraten und AIDS-Sterbefälle wird Ende 1999
Teamleiter Dr. Peter Herzig aktiv und engagiert einen deutschen Kommunikationsexperten.
Dieser entwickelt gemeinsam mit den äthiopischen Counterparts aus
dem Gesundheitsministerium von Amhara ein innovatives Konzept für
eine AIDS-Bewußtseinskampagne in den fast ausschließlich von Analphabeten
bewohnten Landgebieten. Und er gibt ihr auch einen Namen: "The Walls
of Hope". |
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Die Idee zu den "Walls
of Hope" kam ihm, als er auf einer Rundreise durch Amhara feststellte,
daß sich Öffentlichkeitsarbeit über Poster oder Wandmalereien als
sehr schwierig gestalten würde, weil die Wände der Behausungen überwiegend
nur aus lehmverschmierten Zweigen, in den Städten aus Zementziegeln,
die allenfalls mit Rauhputz versehen sind, und hier und da einer Wellblechtür
bestehen. In der ausgebeuteten Landschaft fehlt es selbst an kräftigen
Baumstämmen, an die man Plakate heften könnte. In dieser weitgehend
baumlosen, freien Landschaft müßten für eine visuelle Kampagne die
Wände eigens errichtet werden! |
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Nun trifft es sich, daß
in der amharischen Kultur Mauern sehr positiv besetzt sind - die königlichen
Paläste in Gondar sind ein architektonisches Highlight auf dem ganzen
Kontinent. Mauern bieten Schutz. Der Äthiopier gehört zu den wenigen
Völkern, der nicht im Freien seine Nahrung zu sich nimmt - sondern
hinter Mauern. So wurde die Idee geboren (in einer Pilotphase zunächst
in der Provinz South Gondar) am Eingang zu jedem Marktort einen Satz
von drei Mauern zu errichten, auf denen Botschaften sequentiell entfaltet
werden (sozusagen ein "Daumenkino" aus Stein). Die Zielgruppe setzt
sich fast ausschließlich aus Analphabeten zusammen. Darum werden alle
Botschaften in Malereien umgesetzt, dazu kommen kurze Textzeilen in
amharischer Schrift. |
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In der amharischen Kultur
besitzt Dichtung einen ganz großen Stellenwert. Reime zu entwickeln
und vorzutragen, zum Teil in Gesangsform, ist jedem Amharer von Kindesbeinen
an vertraut. Diese spezifische Kultur wird auch als "Wax and Gold"
bezeichnet. So wie beim Goldgießen erst nach Entfernen des Wachses
der Inhalt, die Figur erscheint, so gibt es in der amharischen Poesie
stets zwei Ebenen. Die oberste Ebene ist die Anstand wahrende, öffentliche
Ebene, darunter liegt - von jedem Amharer wahrgenommen - die eigentliche
Bedeutung. Mit dieser Form haben es die Äthiopier gelernt, auch in
Zeiten aristokratischer Tyrannei oder sozialistischer Diktatur zu
kommunizieren, und mit denselben Sprachtechniken können sie heute
über HIV/AIDS und Familienplanung reden. Nun ist gute Entwicklungsarbeit,
insbesondere ein Kommunikationsprojekt, nicht nur auf ein Produkt
ausgerichtet. Der Prozeß der Herstellung ist gleich wichtig. |
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Das Konzept der "Walls
of Hope" verwendet darum gleichviel Aufmerksamkeit auf den Produktionsprozeß
der Wände, wie auf das, was als Botschaft schließlich auf den Wänden
steht. Dieser Produktionsprozeß wird dabei als sozialer Prozeß verstanden,
dem die Funktion zukommt, die Kampagne aus der Begrenzung des Gesundheitsektors
herauszulösen und in andere Sektoren zu integrieren. So werden beim
Bau der Mauern und bei der Bemalung Jugendgruppen, Frauen- und Bauernvereinigungen
engagiert. Die Mauern werden unter den Schutz ausgewählter Gruppen
gestellt, die "Patenschaften" für "ihre" Mauern übernehmen ("community
participation"). Die Botschaften werden in Künstler- und Poesiewettbewerben
in der Landbevölkerung entwickelt. Die "Walls of Hope" verkörpern
also ein Musterbeispiel eines multisektoralen Ansatzes. Und der ist
nirgendwo dringender erforderlich als im Kampf gegen HIV/AIDS. HIV/AIDS
ist eben kein Gesundheitsproblem, sondern ein Entwicklungsproblem,
eine Aufgabe, die alle gesellschaftlichen Sektoren angeht. |
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Der Prozeß selbst wird
multimedial reflektiert, d.h. fotografiert, gefilmt, beschrieben und
auf anderen Kanälen (Presse, Radio, TV) begleitet, was zu einer Verstärkung
führt. Die Botschaften werden zudem abgeglichen oder "synchronisiert"
mit Botschaften anderer AIDS-Projekte und den Botschaften, welche
über andere Kanäle verbreitet werden. Kohärenz und Konsistenz der
Botschaften sind ein weiteres Merkmal der "Walls of Hope"-Kampagne.
Selbst das Logo, welches Dr. Herzig für das Projekt entwerfen ließ,
berücksichtigt die Forderung nach universellem Einsatz, d.h. es funktioniert
nicht nur als visuelles Icon in gedruckter Form, auf den Wänden oder
im Fernsehen, sondern auch im Hörfunk oder im Lied ("The Fruit of
Wisdom"). |
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Als Julien Biere nach
sechswöchiger Arbeit die Heimreise antrat, war er sich nicht sicher,
wieviel und ob überhaupt etwas von dem ambitionierten Projekt realisiert
werden würde. Er machte sich zum Beispiel Sorgen, daß die benötigen
LKWs fehlen würden, weil alle Fahrzeuge des Landes für die Verteilung
der Lebensmittelhilfe abgezogen wurden. Auch der Krieg mit Eritrea
war damals noch nicht beendet. Die öffentliche Aufmerksamkeit war
noch immer mit dem Gegner im Norden beschäftigt, anstatt die wahre
Bedrohung im Innern des Landes zur Kenntnis zu nehmen. Und dennoch
- was andernorts vielleicht im Sumpf von Korruption, Bürokratie und
Unfähigkeit versunken wäre - hier, in Äthiopien verpuffte der Anstoß
nicht. Trotz zahlreicher ungeahnter Schwierigkeiten setzten die Äthiopier
das Vorhaben um. |
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Im Sommer wurden die ersten
einhundert Wände errichtet, und noch vor ihrer für Einweihung am Welt-AIDS-Tag,
dem 1. Dezember, bildeten sich an den "Walls of Hope" spontane Versammlungen,
in denen die Botschaften auf den Wänden diskutiert wurden. Das Eis
ist gebrochen: Die Botschaft wird selbst zum Monument. Wie Denkmäler
empfangen die "Walls" die Bauern vor den Toren eines Marktortes, wenn
sie vom Land in die Stadt gehen: "Denk dran: wenn du auf Reisen bist,
gibt es drei Wege dich zu schützen: Treue, Abstinenz - oder Kondome".
Und auf dem Weg zurück in sein Dorf erinneren die "Walls" an das "Elend
einer ungeplanten Familie" und in leuchtetenden Farben, wie gut es
einer geplanten Familie geht. |
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Äthiopier
sind bekannt für ihren ausgeprägten Stolz (der Bruderkrieg mit Eritrea
ist v.a. zu verstehen vor dem Hintergrund verletzten Stolzes). Aus
Stolz auch spricht ein Äthiopier nicht über die Todesursache eines
an AIDS Verstorbenen. Das wird sich jetzt ändern. Auf einer der wirkungsvollsten
"Walls" heißt es: "Seit Jahrhunderten verteidigen wir uns erfolgreichen
gegen jeden Eindringling. Wir werden es nicht zulassen, daß AIDS uns
erobert." Und so wird dieselbe Haltung, welche bislang eine öffentliche
Auseinandersetzung mit AIDS blockierte, plötzlich zur antreibenden
Kraft für eben diese: "Gerade weil du ein stolzer Äthiopier bist,
kannst du es nicht zulassen, dass AIDS die Oberhand gewinn!". Ausdruck
des äthiopischen Stolz ist nun die aktive Auseinandersetzung, das
Sprechen über AIDS, anstelle des Schweigens und Verdrängens. Das Gesundheitsministerium
von Amhara plant, die "Walls of Hope"-Programm im neuen Jahr landesweit
auszudehnen. |
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Fazit
Selbst unter extremsten Bedingungen des Mangels kann eine relativ
kleine, begrenzte Initiative eines Entwicklungsprojektes große und
auf Dauer zielende Wirkung haben. Augenmaß für den richtigen Zeitpunkt
und den nötigen externen Input - das ist das Verdienst des GTZ-Teamleiters
vor Ort, Intuition und Erfahrung des Kurzzeitexperten wirkten als
Katalysator. Der Umsetzungserfolg liegt aber letztlich beim Partner,
den verantwortlichen Äthiopiern selbst. Und genau dies entspricht
dem Verständnis deutscher Entwicklungszusammenarbeit.
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26.01.2004
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2000-2004
© Dr. Biere Consulting
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